Jede freie Minute auf dem Faustballplatz (Weinheimer Nachrichten, 04.02.2012)

Wünschmichelbach - ein paar in den Odenwald geworfene Sträßchen und Wege, drum herum viel Natur und gute Luft. Wer ruhig wohnen möchte, ist im entlegenen, gerade 417 Einwohner zählenden Weinheimer Stadtteil richtig. Wer Vereinssport treiben und nicht aufs Auto angewiesen sein will, der hat oft nur eine Chance: den TV Wünschmichelbach. Hier wird Faustball nicht gespielt, hier wird dieser Sport gelebt. Zehn Mannschaften jeder Altersklasse hat der TVW im Spielbetrieb, die Mehrzahl der 330 Mitglieder hatte mal etwas mit dem Traditionssport am Hut. Was dieser Klub auf die Beine stellt, ist nahezu unglaublich. Die Nachwuchsteams gehören zur deutschen Spitze, räumten bereits etliche deutsche Titel ab. Die Herren spielen in der 2. Bundesliga und haben beste Perspektiven. Denn das Team besteht zum Großteil aus der erfolgreichen A-Jugend.

Sportplatz zweites Wohnzimmer

Nico Müller ist einer dieser "jungen Wilden". Er ist waschechter Wünschmichelbacher, wie die meisten im Team. Nur Dennis Gruber stieß mit seinem Vater und Trainer Andreas aus Altrip dazu. Ansonsten kennen sich die Jungs seit den Minis. "Wir spielen und trainieren jede freie Minute zusammen. Hier gibt es ja nichts anderes", sagt Müller. Der bald 18-Jährige wurde mit Gruber für die Jugend-WM in Kolumbien nominiert. Der bisher größte Erfolg des variablen Abwehrspielers. Faustball - das war schon immer das Ding von Müller. Vater und Mutter spielten bereits erfolgreich im Verein und vererbten dem Sohn Leidenschaft und Talent. "Ich habe vieles ausprobiert und Faustball hat mir einfach am besten gefallen. Viele denken, dass das ein Alt-Herren-Sport ist. Aber davon sind wir weit entfernt", sagt Nico Müller.

Ziel ist der WM-Titel

Wenn er nicht gerade in seinem zweiten Wohnzimmer, dem Faustballplatz des TVW, spielt und übt, dann ist er mit seinen Freunden unterwegs, fährt Rad oder kickt. "Für die Kondition." Denn der 17-Jährige, der in diesem Jahr auch sein Abitur am Weinheimer Bonhoeffer-Gymnasium machen will, hat ein Ziel vor Augen: den Weltmeistertitel in Kolumbien. "Den hat Deutschland bei der letzten WM geholt, also wollen wir ihn auch verteidigen", sagt er selbstbewusst. "Wir haben zwar nicht die stärksten Einzelspieler, das machen wir aber mit Teamgeist wieder wett." Erstmals hat der Verband drei Lehrgänge im Vorfeld der WM anberaumt. Die starke Konkurrenz aus Brasilien oder der Schweiz schläft nicht. Der Trip im Juli nach Kolumbien wird fürs deutsche Nationalteam schon ein Abenteuer. Austragungsort Santiago de Cali erlangte Berühmtheit, weil hier der Drogenhandel floriert. "Wir sind schon darauf vorbereitet worden, dass wir wahrscheinlich nicht sehr viel mehr als die Sporthalle und unser Hotel sehen werden. Einfach so in der Stadt rumlaufen ist wahrscheinlich nicht."

Zur Belohnung auf die Karibikinsel

In den ersten drei Tagen sollen sich die Jungs um die Bundestrainer Roland Schubert (Berlin) und Hartmut Maus (Solingen) erst mal ans Klima und die 1000 Meter Höhe gewöhnen, dann sind sie in fünf Tagen WM ohnehin in einem Mammutprogramm gefordert. Jeder spielt gegen jeden. In der Vorrunde gibt es täglich mindestens zwei bis drei Spiele. Kein Pappenstiel also. Zur Belohnung gibts dafür dann vom Verband vier Tage Anschlussurlaub auf der kolumbianischen Karibikinsel San Andrés. Es ist alles angerichtet für Müllers perfekten Abschied aus dem Jugendnationalteam. Danach will der inzwischen vierfache deutsche Jugendmeister mit Wünschmichelbach mittelfristig den Sprung in die 1. Bundesliga schaffen. Und in den weiterführenden U21- und später vielleicht sogar Herren-Nationalteams auch einen Platz im Kader erobern. Für dieses Ziel den Verein wechseln? "Das habe ich nicht vor. Wir können mit Wünschmichelbach noch einiges erreichen. Auch mit dem Handicap, dass wir keine eigene Halle haben und nur einmal pro Woche in Weinheim trainieren können", sagt Nico Müller. Die TVW-Jungs gleichen das mit ihrem Engagement wieder aus. Bei Wind und Wetter und jeder freien Minute auf dem Sportplatz am Bärsbacher Weg. "Made in Wünschmichelbach" - für Faustballer ein Qualitätssiegel der besonderen Güte.